»Die Liebe« XX

aus: Jugendgedichte (1841-1843)

XX

Es weht schon durch die Gassen
Der kühle Abendwind,
Und ich bin ein verlassen,
Ein armes Menschenkind.
Ich sah den Mond erscheinen,
Der durch die Wolken bricht,
Und weiß nicht: soll ich weinen,
Oder wein ich lieber nicht.

Gott grüß dich, alte Schenke,
Mit deinem runden Schild;
0 gib ein gut Getränke,
Das meinen Kummer stillt;
Daß balde ich versetzet
Ins Land der Träumerein,
Wo sich das Herz ergetzet
An buntem Märchenschein.

Da draußen rauscht die Erle
Und pocht ans Fenster leis,
Hier innen steigt die Perle
Im Glase silberweiß.
Das ist der Wein, der mählich
Das arme Herz beglückt
Und mich so zauberselig
Der Erde ganz entrückt.

Von hohen Linden träum ich,
Die auf den Wiesen stehn,
Die Gipfel blütensäumig
Im Mondenglanze wehn.
Sie werfen ihren Schatten
An Quellen frisch und klar,
Dort tanzt auf grünen Matten
Die leichte Elfenschar.

Es thront die Königinne
In ihres Lagers Rund,
Der zuckt die glühnde Minne
Um Wang und Rosenmund,
Der leuchtet in den Blicken
Ein blaues Sternenlicht,
Und schöne Locken nicken
Hinab in ihr Gesicht.

Die schwebenden Gestalten,
Wie sind sie schlank und zart,
In ihren Händen halten
Sie Blumen seltner Art.
Um nackte Schultern rauschen
Die luft’gen Schleier weit,
Und üpp’ge Glieder lauschen
Aus knappem Seidenkleid.

Sie drehn die kleinen Füße
Nach süßer Melodei
Und winken schnelle Grüße
Und huschen rasch vorbei;
Sie ringen und umschlingen
Sich mit den Armen hold,
Sie küssen sich und schwingen
Das volle Lockengold.

Sie singen wundertönig,
Sie singen hell und rein –
Und ich will euer König,
Ihr Elfenkinder, sein.
An blühenden Lindenbäumen,
In stiller Mondenpracht,
Da will ich lieben, träumen
Mit euch die ganze Nacht.

Ha, wenn auf zarter Lippen
Hellglühndem Purpursamt,
Den süßen Tau zu nippen,
Mein wildes Küssen flammt,
Da sinkst du Königinne
Herab von deinem Thron –
Es siegt mit seiner Minne
Der kühne Erdensohn!

Da wacht‘ ich auf – es gingen
Die Schenkenlichter aus,
Mit Lachen und mit Singen
Zog jeder Gast nach Haus.
Die Nacht lag auf den Gassen,
Kalt pfiff vorbei der Wind,
Und ich war ein verlassen,
Ein armes Menschenkind.

aus: Georg Weerth »Die Liebe«, Gedichte I-XXV, 1841